Eine Reise durch die Zeit

Atemberaubende Landschaften - sagenhafte Ausblicke:
Der Heidengraben, ein einzigartiges ‚Kleinod’ am Rand der Schwäbischen Alb

Mit einer Gesamtfläche von rund 1700 Hektar ist das spätkeltische Oppidum Heidengraben die größte befestigte Siedlungsanlage der prähistorischen Zeit auf dem europäischen Kontinent. Der Begriff Oppidum (sing.) geht dabei auf Julius Caesar zurück, der die keltischen Städte Galliens (Frankreich) als Oppida (plur.) bezeichnete.
In eine faszinierende Naturlandschaft eingebettet, liegt der Heidengraben ca. 30 km südöstlich von Stuttgart, auf einer Berghalbinsel der Schwäbischen Alb. Schroffe Felsformationen und steil abfallende Hänge grenzen die Hochfläche in eindrucksvoller Weise von der Umgebung ab. Zahlreiche Reste ehemaliger Vulkane, die hier ihre Schlote, Krater und Mare hinterlassen haben, zeugen von der bewegten geologischen Vergangenheit der Region.
Als Kultur- und Landschaftsdenkmal von europäischem Rang bildet der Heidengraben heute einen wichtigen Bestandteil des UNESCO-Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Entlang verschiedener, landschaftlich reizvoller Strecken, mit zahlreichen imposanten Ausblicken, führen mehrere Rund- und Wanderwege zu archäologischen und kulturhistorischen Stationen. Ausgewählte Funde der ur- und frühgeschichtlichen Zeit sind darüber hinaus im neu eingerichteten Museum in Grabenstetten zu sehen.

Luftbild des Heidengrabens mit den drei Gemeinden Hülben, Grabenstetten und Erkenbrechtsweiler (Foto: O. Braasch, Landshut).
Luftbild des Heidengrabens mit den drei Gemeinden Hülben, Grabenstetten und Erkenbrechtsweiler (Foto: O. Braasch, Landshut).

Schreiber, Drescher und Gelehrte:
Die archäologische Erforschung des Heidengrabens

Die Erforschung des Heidengrabens ist eine Geschichte mit langer Tradition. Erstmals erwähnt wird der Heidengraben im Uracher Lagerbuch des Jahres 1454. Als Relikt einer „unvordenklichen, heidnischen Vergangenheit“ wird er dort, unter dem Namen „Haidengraben zu Nyffen [Neuffen]“, beschrieben. Danach galten die in der Landschaft noch gut erkennbaren Befestigungsanlagen lange Zeit als römisch, bis 1841 H. Schreiber, in seinem „Taschenbuch für Geschichte und Alterthum“, den Heidengraben erstmals mit den keltischen Oppida Frankreichs verglich. Dieser Datierungsansatz wurde später durch die Untersuchungen F. Hertleins bestätigt. Er führte 1906 erstmals systematische Ausgrabungen in den Wällen des Heidengrabens durch und datierte diese in die spätkeltische Zeit.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten A. Witscher und J. Dorn verschiedene Grabungen in den Hügeln beim Burrenhof durchgeführt. Dabei zog J. Dorn, als Besitzer einer Dampfdreschmaschine, im Sommer von Dorf zu Dorf und grub zahlreiche Grabhügelfelder auf der ganzen Schwäbischen Alb aus. Ab den 1970er Jahren übernahmen dann die archäologische Denkmalpflege Baden-Württemberg und das Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen die Untersuchungen am Heidengraben. Diese dauern bis heute an und liefern Jahr für Jahr neue und faszinierende Ergebnisse.

Friedrich Hertlein (1865-1929)
Friedrich Hertlein (1865-1929) Pionier der Keltenforschung in Württemberg (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Erste Bauern:
Die Menschen der Jungsteinzeit auf der Vorderen Alb (5.500-2.200 v. Chr.)

Ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus vollzieht sich in ganz Mitteleuropa der Übergang vom nomadischen Jäger- und Sammlertum zur Sesshaftigkeit. Ausgangspunkt dieser Entwicklung ist der Vordere Orient, wo im Bereich des fruchtbaren Halbmonds ab ca. 10.000 vor Christus erstmals jungsteinzeitliche Kulturgruppen nachweisbar sind.
Mit der Jungsteinzeit (Neolithikum) kommen neben der Errichtung von Gebäuden und der Anlage von Siedlungen weitere Neuerungen hinzu. So bilden fortan der Ackerbau sowie die Haltung von Haus- und Nutztieren die Grundlage der täglichen Nahrungsversorgung.
Siedlungen und Gräber der Jungsteinzeit sind aus dem Areal des Heidengrabens bislang nicht bekannt. Sie liegen vielmehr im Vorland der Schwäbischen Alb, auf den Fildern und in den Gäulandschaften.
Die zeitweise Anwesenheit neolithischer Menschen im hier zu behandelnden Gebiet, ist jedoch durch eine große Zahl an Einzelfunden belegt. Dazu zählen unter anderem geschliffene Steinbeile, die vor allem an den Traufrändern und Hängen der Schwäbischen Alb gefunden wurden. Sie dürften beim Fällen von Bäumen bzw. beim Abhacken von Ästen und Zweigen, im Zusammenhang mit der Weide von Nutzvieh im Wald, verloren gegangen oder bewusst zurück gelassen worden sein. Weitere neolithische Funde sind aus den Höhlen rund um den Heidengraben bekannt. Sie können als Hinweis darauf gewertet werden, dass die Höhlen von Hirten zum Schutz oder als Lagerplatz genutzt wurden.

Steinbeil
Neolithisches Steinbeil vom Albtrauf am Heidengraben (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Glanz des frühen Metalls:
Funde und Befunde der Bronzezeit (2.200-800 v. Chr.)

Gegen Ende des dritten Jahrtausends vor Christus setzt sich, erneut vom Vorderen Orient aus kommend, ein neuer Werkstoff in Europa durch. Dabei handelt es sich um Bronze, eine Metalllegierung aus Kupfer und Zinn.
Aus der frühen Bronzezeit (2.200-1.600 v. Chr.) liegen vom Heidengraben keine gesicherten Funde vor. Ebenso ist über die mittlere Bronzezeit (1.600-1.300 v. Chr.), bis auf ein Schwert und zwei Armringe aus einem Grabhügel bei Erkenbrechtsweiler, nichts bekannt.
Erst ab der späten Bronzezeit, zwischen 1.2000-800 v. Chr., scheinen sich hier verstärkt Menschen niedergelassen zu haben. Davon zeugen zahlreiche Funde, zu denen unter anderem ein prachtvolles Bronzegehänge gehört, das 1916, wohl an den Hängen des Hohenneuffens, gefunden wurde.
Neben weiteren Einzel- und Siedlungsfunden sind es aber vor allem die typischen Brandgräber der sogenannten Urnenfelderkultur, die aus dieser Zeit bekannt sind. Fünf solcher Bestattungen konnten im Bereich des Gräberfelds beim Burrenhof nachgewiesen werden. Sie enthielten große tönerne Urnen, in die weitere Keramikgefäße, Bronzebeigaben und die verbrannten Skelettreste gelegt wurden. Eine Besonderheit unter den Funden der Urnenfelderzeit bildet ein nur 8 cm hohes Zylinderhalsgefäß, das aus dem Grab eines etwa fünfjährigen Kindes stammt.

Miniaturgefäß und Bronzearmring
Neolithisches Steinbeil vom Albtrauf am Heidengraben (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Imposante Grabhügel und mediterrane Importe: (800-350 v. Chr.)
Bestattungen und Siedlungsreste aus frühkeltischer Zeit

Mit dem Übergang zur frühen Eisenzeit, die auch als Hallstattzeit bezeichnet wird, kommt es im Bereich des Burrenhofs zur Aufschüttung großer Grabhügel aus Erde. Bis heute konnten rund 40 dieser Hügel nachgewiesen werden, doch dürfte ihre Zahl einstmals wesentlich größer gewesen sein.
Im Zentrum dieser Grabhügel wurden zum überwiegenden Teil hölzerne Grabkammern angelegt, in denen sich meist Brandbestattungen der älteren Hallstattkultur (800-650 v. Chr.) fanden. Die oftmals paarweise Beigabe von nahezu identischen Keramikgefäßen lässt hier an ein Totenmahl im Diesseits oder im Jenseits denken.
Mit der jüngeren Hallstattzeit (650-450 v. Chr.) ändert sich die Bestattungssitte. Fortan werden die Toten unverbrannt mit ihrem Schmuck und ihren Waffen begraben. Nun steht der Aspekt des persönlichen Status und Reichtums im Vordergrund. Kostbare Goldohrringe, Nadelköpfe aus Bernstein und die Beigabe eines vierrädrigen Wagens, legen davon Zeugnis ab.
Über die Siedlungen der frühen Eisenzeit, die einstmals zahlreich auf der Hochfläche der Vorderen Alb existierten, ist bis heute nur wenig bekannt. Einzig die Siedlungsanlage im Gewann „Strangenhecke“ wurde genauer untersucht. Dort konnten, wie im Gräberfeld beim Burrenhof, Fragmente von importierten Keramikgefäßen aus dem Mittelmeerraum geborgen werden, die die große Bedeutung der Region am Heidengraben schon zu dieser frühen Zeit unterstreichen.

Frühkeltischer Schmuck
Frühkeltischer Schmuck und Waffen aus den Grabhügeln beim Burrenhof (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Zentrum zwischen Rhein und Donau: (130-80 v. Chr.)
Das spätkeltische Oppidum Heidengraben

Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. dünnt die Zahl an archäologischen Fundstellen in Baden-Württemberg merklich aus. Dies hängt mit den keltischen Wanderungen zusammen, die große Teile Europas erfassen und die keltische Kultur bis in den Vorderen Orient tragen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. beruhigt sich die Situation wieder und es kommt zur Errichtung großer befestigter Siedlungen, sogenannter Oppida (pl.).
Unter ihnen ist der Heidengraben die mit Abstand größte Anlage. Mit einer Gesamtfläche von knapp 1700 Hektar übertrifft das spätkeltische Oppidum (sing.) alle befestigten Siedlungen der prähistorischen Zeit in Europa. Als wichtiges Handelszentrum kontrollierte der Heidengraben den Warenverkehr zwischen Rhein und Donau. Dies belegen unter anderem zahlreiche Amphoren aus dem mediterranen Raum, deren Gesamtvolumen von mehr als 2500 Litern, wohl überwiegend mit italischem Wein gefüllt war.
Mit der Entstehung des Oppidums Heidengraben entwickelt sich auch das Gräberfeld beim Burrenhof wieder zu einem bedeutenden Sakralplatz. Dabei verband ein sternförmiges Wege- und Straßennetz den einmaligen Ritualplatz mit der umgebenden Siedlungslandschaft.

Glasperlen
Spätkeltische Glasperlen aus dem Oppidum Heidengraben (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Als die Kelten gingen:
Die Helvetiereinöde und das römische Reich

Noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts v. Chr. verlassen große Teile der keltischen Bevölkerung, die hierzulande einem Teilstamm der Helvetier angehören, Südwestdeutschland. Mehr als 150 Jahre bleibt daraufhin auch die Region des ehemaligen Oppidums Heidengraben ohne erkennbare Besiedlung. Erst um 85/90 n. Chr. kommt es zur Eingliederung der Vorderen Alb in das römische Reich. Dies geschieht mit der Errichtung des Kastells von Römerstein-Donnstetten, das über eine wichtige Wegverbindung durch das Lenninger Tal mit dem Kastell von Köngen (röm. Grinario) verbunden war.
Über diese und weitere Wegverbindungen war auch die Berghalbinsel des Heidengrabens in das römische Verkehrs- und Besiedlungsnetz eingebunden. Dies zeigt sich anhand von Tor G des Heidengrabens, das auch in nachkeltischer Zeit noch intensiv genutzt wurde, wie zahlreiche, dort gefundene, römische Schuhnägel belegen.
Gutshöfe und Siedlungen aus der Zeit des 2. und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. sind unter anderem bei Erkenbrechtsweiler, beim Burrenhof, in der Elsachstadt sowie in den heutigen Ortsbereichen von Hülben und Grabenstetten zu vermuten. Da diese aber wohl durchweg aus Holz errichtet wurden, zeigen sich in den Luftbildern keine Mauerstrukturen, was lange Zeit für Rätsel sorgte.

Bronzekopf der römischen Kaiserzeit vom Burrenhof (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).
Bronzekopf der römischen Kaiserzeit vom Burrenhof (Foto: Landesamt für Denkmalpflege BW).

Alamannen, Ritter und Gründungsväter:
Vom Mittelalter bis in die Neuzeit

In der Zeit nach 260 n. Chr. zieht sich das römische Reich hinter den Donau-Iller-Rhein-Limes zurück. Die Provinz Obergermanien wird aufgegeben und neue Siedler, bestehend aus germanischen Stämmen, nehmen das Land in Besitz. Diese Wiederbesiedlung verläuft zunächst schleppend. Erst ab der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. verstärkt sich der Zuzug der Alamannen (alle Männer) und der Runde Berg bei Bad Urach wird zu einer wichtigen Höhensiedlung ausgebaut. Frühmittelalterliche Siedlungsfunde und eine Kriegerbestattung des 7. Jahrhunderts n. Chr. belegen die Ortsgründung von Grabenstetten zu dieser Zeit.
Im 12. bzw. 13. Jahrhundert n. Chr. erfolgt erstmals eine namentliche Nennung der drei Orte Hülben, Grabenstetten und Erkenbrechtsweiler. 1953 kommt die neu gegründete Teilgemeinde Lenningen-Hochwang auf dem Plateau des Heidengrabens hinzu.
Heute zeigt sich die Region als malerische und lebendige Kulturlandschaft mit zahlreichen Burgruinen und Burgen, die im Mittelalter entstanden sind und zum Teil noch heute genutzt werden. Unter ihnen sticht der Hohenneuffen, als ehemalige Landesfestung, mit seinen imposanten Befestigungsanlagen heraus.

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